
Kurt Tucholsky
1890 - 1935
Seit
dem 1. Januar 2006 sind die Texte von Kurt Tucholsky nicht
mehr urheberrechtlich geschützt. D.h. sie dürfen beliebig
verbreitet
werden!
"Macht die
Bücher billiger!"
So lautete eine der bekanntesten Forderungen des Namensgebers unserer
Schule.
Ganze Bücher können wir hier natürlich nicht abdrucken.
Aber wir werden
hier regelmäßig einige seiner schönsten,
schärfsten, bissigsten und
zärtlichsten Texte drucken.
Viele davon sind bis heute hochaktuell ...
Tucholsky-Texte im Netz:
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Kurt Tucholsky
als knapp einjähriges
Kleinkind (1890)
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DER AKTUELLE TUCHOLSKY-TEXT:
Zur soziologischen
Psychologie der Löcher
Daß die wichtigsten Dinge
durch Röhren gethan werden. Beweise: erstlich
die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr.
Lichtenberg
Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.
Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt
nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann
gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht
keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte
nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte
Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer
gut.
Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche
denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.

Berühmtes Loch ...
Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist
sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins
zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann
es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß
überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem
letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese
Kinder auch grade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und
das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.
Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch
zum Etwas, sieht aberbeständig in das Nichts, eine Grenzwache der
Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den
Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das
Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs ... festlig? Dafür
gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht;
die Loch-Leute sprechen ihre eigne.
Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.
Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der
sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen.
Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der
rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu
sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.
Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich
seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch,
um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand
weiß das: unser Wissen hat hier eines.
Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da
noch ein andres sein?
Und warum gibt es keine halben Löcher –?
Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein
entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das
ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau
und ein Luftballon.
Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an
sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns:
der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem
gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei
etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch,
und das Loch ist das Primäre. Lochen Sie nicht; das Loch ist die
einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot
sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen
Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem
nächsten ein Loch ausfüllen wollen.
Kaspar Hauser ( = Kurt
Tucholsky), Die
Weltbühne, 17.03.1931, Nr. 11, S. 389.
Europa
Am Rhein, da
wächst ein süffiger Wein -
der darf aber nicht nach England hinein -
Buy British!
In Wien gibt es herrliche Torten und Kuchen,
die haben in Schweden nichts zu suchen -
Köp svenska varor!
In Italien verfaulen die Apfelsinen -
laßt die deutsche Landwirtschaft verdienen!
Deutsche, kauft deutsche Zitronen!
Und auf jedem Quadratkilometer Raum
träumt einer seinen völkischen Traum,
Und leise flüstert der Wind durch die Bäume . . .
Räume sind Schäume.
"Deutsche,
kauft deutsche Zitronen!"
Da liegt Europa. Wie sieht es aus?
Wie ein bunt angestrichnes Irrenhaus.
Die Nationen schuften auf Rekord:
Export! Export!
Die andern! Die andern sollen kaufen!
Die andern sollen die Weine saufen!
Die andern sollen die Schiffe heuern!
Die andern sollen die Kohlen verfeuern!
Wir?
wir lassen nicht das geringste herein.
Wir nicht. Wir haben ein Ideal:
Wir hungern. Aber streng national.
Fahnen und Hymnen an allen Ecken.
Europa? Europa soll doch verrecken!
Und wenn alles der Pleite entgegentreibt:
daß nur die Nation erhalten bleibt!
Menschen braucht es nicht mehr zu geben.
England! Polen! Italien muß leben!
Der Staat frißt uns auf. Ein Gespenst. Ein Begriff.
Der Staat, das ist ein Ding mitm Pfiff.
Das Ding ragt auf bis zu den Sternen -
von dem kann noch die Kirche was lernen.
Jeder soll kaufen. Niemand kann kaufen.
Es rauchen die völkischen Scheiterhaufen.
Es lodern die völkischen Opferfeuer:
Der Sinn des Lebens ist die Steuer!
Der Himmel sei unser Konkursverwalter!
Die Neuzeit tanzt als Mittelalter.
Die Nation ist das achte Sakrament -!
Gott segne diesen Kontinent.
Theobald
Tiger ( = Kurt Tucholsky), Europa, in: Die Weltbühne, Bd. 28/1.
Der Mensch
Der Mensch hat zwei Beine und zwei
Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm
schlecht geht. Die letztere heißt Religion. Der Mensch ist ein
Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland,
damit er nicht zu übermütig wird.
Der Mensch wird auf natürlichem Wege
hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht
nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch
gemacht werden wolle.
Der Mensch ist ein
nützliches Lebewesen, weil
er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe
zu treiben, durch Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu
erhöhen, sowie Kultur, Kunst und Wissenschaft. Der Mensch hat
neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken,
zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man
könnte den Menschen geradezu als ein Wesen definieren, das nie
zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites
bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen:
Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei
Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu
verfahren als man es gerade noch für möglich hält. Der
Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze
erfunden. Er darf nicht, also sollen die anderen auch nicht.
Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man
gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese
Zeit sicher, dass er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch
auf den Charakter.
Der Mensch zerfällt in zwei Teile:

Frühes Menschenpaar
In einen männlichen, der nicht denken will, und
in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte
Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man
gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen
Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab. Der Mensch ist ein
pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frisst er
hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch
den Faschismus wieder ausgeglichen. Der Mensch ist ein politisches
Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt.
Jeder Klumpen hasst die anderen Klumpen, weil sie die anderen sind, und
hasst die eigenen, weil sie die eigenen sind. Den letzteren Hass nennt
man Patriotismus.
Jeder Mensch hat eine Leber, eine
Milz, eine Lunge
und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll
Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen
ohne Fahne gibt es nicht. Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht
der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf,
das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.
Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur
Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat
noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer
mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch
ist sich selber unterlegen.
Wenn der Mensch fühlt, dass er nicht mehr
hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die
sauren Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die
verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für
verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie
jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge
begreifen nie, dass sie alt werden können.
Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er
nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen,
dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig
mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.
Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das
klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt.
Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.

"Manchmal gibt er
auch Ruhe, aber dann ist er tot."
Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und
Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie
erst in der nächsten Klasse.
Kaspar Hauser ( = Kurt Tucholsky), Weltbühne 24, 16.06.1931
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