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Die Stolpersteine in Krefeld

Zur Bildergalerie mit allen bislang verlegten
Stolpersteinen: [Klick...]





Ein Kunstprojekt zur individuellen Erinnerung an die Opfer der Nazi-Herrschaft


Die Stolpersteine sind ein Kunstprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Sie rufen die Erinnerung an einen Menschen wach, der unter der Nazi-Herrschaft verfolgt, verschleppt, gequält und ermordet worden ist. Stolpersteine werden vor der letzten frei gewählten Wohnung eines Nazi-Opfers verlegt: im öffentlichen Raum, d.h. in der Regel im Pflaster eines Bürgersteigs (Foto).


Ein Stolperstein für Hermann Lewin, ein deutscher Jude, der vor
seiner Verschleppung in Berlin-Friedrichshain lebte


Es handelt sich um 10 x 10 cm große Beton-Quader, deren obere Seite mit einer Messingplatte abschließt. Mit Hammer, Schlagzahlen und -buchstaben graviert Demnig einen Namen, das Geburtsjahr, das Datum der Deportation und ggf. den Ort der Ermordung des Opfers auf die Messingplatte.

Anschließend wird der Stein - bündig mit der Gehwegfläche abschließend - vor der letzten Adresse des Opfers verlegt (Foto unten). Als Demnig 1995 die ersten Stolpersteine auf Kölner und Berliner Bürgersteigen verlegte, geschah das in Eigeninitiative - ohne behördliche Anträge und Genehmigungen. Inzwischen sind es häufig Schulklassen, Vereine, Parteien oder Einzelpersonen, die die Initiative ergreifen, d.h. zur Biografie eines Opfers recherchieren, Anträge an das jeweilige Tiefbauamt stellen und mit dem Künstler einen würdigen Rahmen für die Verlegung vorbereiten.


Verlegung dreier Stolpersteine im Ruhrgebiet

Bis Anfang 2006 hat Gunter Demnig (Foto unten) in ganz Deutschland in ca. 120 Städten und Gemeinden über 7.000 Stolpersteine verlegt. Mit jeder einzelnen Verlegung eines Steins verbindet sich die individuelle Erinnerung an einen Menschen, dem aufgrund seiner Religion, seiner Hautfarbe, seiner geschlechtlichen Orientierung, Lebensweise oder politischen Überzeugung furchtbares Leid angetan wurde. Damit werden Name und Leben einer Person der Vergessenheit entrissen, deren Existenz von den Schergen des NS-Staates für immer ausgelöscht werden sollte.

Die Zugehörigkeit des Opfers zu einer politischen Partei, zu einer religiösen oder sozialen Gruppe spielt bei der Widmung eines Stolpersteins keine Rolle. Was zählt, ist die Absicht der Lebenden, an das Schicksal eines von den Nazis gequälten oder ermordeten Menschen zu erinnern.

Wir haben bei unserem Eintreten für das Projekt oft zu hören bekommen, dieses Gedenken koste den Steuerzahler mal wieder gewaltige Geldsummen. Das stimmt nicht! Ein Stolperstein kostet inklusive Verlegung 95,- €. Diese Summe wird ausschließlich durch Spenden der jeweiligen Initiatoren, also z.B. durch eine Schulklasse, aufgebracht.


Was hat Schüler und Lehrer der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule an diesem Kunst- und Gedenkprojekt überzeugt?

Nachdem der Künstler Gunter Demnig im Januar 2004 unsere Schule besuchte um sein Projekt vor Schülern vorzustellen, gab es spontan viel Zuspruch. Zahlreiche Schüler erklärten sich zu einer Spende bereit, sodass rasch der Plan fest stand, das Projekt nach Krefeld zu holen.

Dabei dürften folgende Argumente eine Rolle gespielt haben:

  • Stolpersteine erinnern auch an Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, derer sonst nicht gedacht wird.
  • Mit den Steinen wird die Erinnerung an die Opfer mitten in das heutige Alltagsleben integriert, z.B.auf öffentlichen Gehwegen.
  • Die Stolpersteine regen zum Nachdenken an.
  • Die Steine sind mit einer Oberseite von 10 x 10 Zentimetern klein und unaufdringlich.
  • Stolpersteine kosten Städte und Steuerzahler keinen Cent.
  • Stolpersteine sind ein besonders Mahnmal, weil sie privat finanziert werden und die Bürger so ganz direkt bestimmen können, wie viele Steine verlegt werden und wieviel Gedenken sie damit stiften wollen.

Messingkappe eines Stolpersteins
  • Die Stolpersteine bieten ein individuelles Gedenken an; sie ehren den Namen eines Krefelder Bürgers und erinnern vor dessen letzter frei gewählter Wohnung an seine Geschichte, die z.B. durch recherchierende Schüler immer wieder neu erzählt werden kann.
  • Die Stolpersteine laden im öffentlichen Raum zum gedanklichen „Stolpern“ ein. Wer sie nicht wahrnimmt, „trampelt“ nicht darauf herum, wie manche Gegner behaupten, sondern geht (meist mit einem großen Schritt) darüber hinweg.
  • Wer zur Verhöhnung der Opfer auf den Stolpersteinen meint „herum trampeln“ zu müssen, würde sich dazu auch von anderen Gedenkformen provozieren lassen. Die Gefahr der Schändung oder Beschädigung eines Mahnmals spricht nicht gegen die Errichtung des Mahnmals, sondern beweist dessen Notwendigkeit.
  • Die Stolpersteine erinnern gleichzeitig an das durch staatlichen Terror verursachte Leid der Opfer und die Verpflichtung zum Erhalt des demokratischen Rechtsstaates.
  • Für das Gedenkprojekt Stolpersteine wurde der Künstler Gunter Demnig mit dem höchsten Orden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Man kann dieses in 120 deutschen Städten durchgeführte Projekt nicht abwegig, falsch oder unangemessen nennen, ohne die Zustimmung des Bundespräsidenten, vieler Städte, Schulen und Gemeinden (auch Jüdischer Gemeinden!) zu ignorieren.

Wie die Stolpersteine zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung in Krefeld wurden

Als Schüler und Lehrer der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule im Oktober 2005 einen Antrag zur Genehmigung eines Stolpersteines für den von den Nazis ermordeten Obdachlosen Paul Prison stellten, wussten sie bereits, dass es in Krefeld Widerstände gegen das Projekt gab.

Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde lehnte die Verlegung von Stolpersteinen in Krefeld ab. Einige Kommunalpolitiker schlossen sich dem negativen Votum an, sodass rasch eine Ablehnung des Projekts durch den Krefelder Stadtrat befürchtet werden musste.


"Unaufdringliches Gedenken": Stolperstein im Gehweg vor
einem Wohnhaus in Berlin Friedrichshain

Dass das Projekt dann am 03.11.2005 tatsächlich durch die Ratsmehrheit von CDU und FDP abgelehnt wurde, war zwar keine große Überraschung; dennoch sorgte diese Entscheidung für Frust und Ärger an unserer Schule. Schließlich hatte es bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Gespräche gegeben, die die Einwände der Gegner hätten verständlich machen können.

Noch kurz vor der Antragstellung gab es keinerlei Anlass mit Widerständen zu rechnen. Dass Projekt war bereits in über 100 Städten mit viel positiver Resonanz angenommen und umgesetzt worden. Gunter Demnig bekam sogar kurz vor der entscheidenden Ratssitzung den höchsten Orden der Bundesrepublik Deutschland, den Bundesverdienstorden am Bande, verliehen; und zwar von keinem Geringeren als dem Bundespräsidenten persönlich. Und an vielen anderen Orten sind es Jüdische Gemeinden, die sich für das Gedenkprojekt stark machen.

Gespräche mit Oberbürgermeister Kathstede, einem der Gegner des Projektes (siehe Interviews), und dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde führten im Laufe der Zeit zu mehr Klarheit, was die Einwände gegen das Projekt betrifft.

Zusammengefasst lauten die Argumente gegen das Projekt wie folgt:

  • Stolpersteine sind keine angemessene Form der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.
  • Stolpersteine für alle Opfer des Nationalsozialismus - also nicht nur die Juden - stellen die Einzigartigkeit des Judenmordes in Frage (Singularität des Holocaust).
  • Die verschiedenen Opfergruppen, die außer ihrer Opferrolle im NS-Staat nichts miteinander verbindet, werden durch das Gedenkprojekt Stolpersteine in einen Topf geworfen.
  • Stolpersteine könnten beschmutzt oder beschädigt werden.
  • Auf Stolpersteinen kann man „herumtrampeln“, was im Allgemeinen ein Zeichen der Herabsetzung ist. Damit werden die Opfer immer auf 's Neue beleidigt.
  • Stolpersteine vor sog. "entjudeten" Häusern können Eigentümer belasten, die mit der Enteignung nichts zu tun hatten, weil sie damals noch gar nicht geboren waren oder die jeweilige Immobilie erst in jüngster Zeit erworben haben.
  • Auf die Stadt könnten teure Verfahren zukommen, wenn Eigentümer oder Geschäftsinhaber klagen.
  • Es gibt schon genug Gedenken in Deutschland. Zuviel Gedenken in der Öffentlichkeit erzeugt Widerwillen, Aggression oder gar Antisemitismus.

Nach der Ablehnung durch den Stadtrat: Schülerinnen und Schüler sammeln für ein Bürgerbegehren für die Verlegung von Stolpersteinen fast 14.000 Unterschriften

Da es vor und nach dem negativen Ratsbeschluss von vielen Seiten Zustimmung für das Projekt gab - auch und gerade durch Krefelder Juden - beschlossen Schüler und Lehrer der Schule, das demokratische Mittel des Bürgerbegehrens zu nutzen um das Blatt vielleicht doch noch zu wenden.

Nach Gesprächen mit Personen und Institutionen, die etwas von der Gemeindeordnung bzw. von direkter Demokratie verstehen, standen zwei Dinge fest:

1. Ein Bürgerbegehren ist ein ziemlich kompliziertes und aufwändiges Verfahren, für das die Kräfte einer Schulgemeinde alleine kaum ausreichen würden.
2. Sowohl innerhalb der Schule als auch außerhalb, in Parteien, Kirchengemeinden, Vereinen, bei Privatleuten und in anderen Schulen, gab es genügend Zuspruch, um die Sache riskieren zu können.

Und so kam es, dass nach erfolgreicher Beantragung des Bürgerbegehrens ca. 35 Schülerinnen und Schüler der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule in Begleitung einiger Lehrer gut zwei Monate lang nach Unterrichtsschluss und am Wochenende regelmäßig an Info-Ständen im Krefelder Stadtgebiet standen um Passanten um ihre Personalien und Unterschriften für die Stolpersteine zu bitten.

7169 gültige Unterschriften wurden benötigt. Am Ende kamen fast 14.000 zusammen. Ein Riesenerfolg, mit dem wohl kaum jemand gerechnet hatte und der den Stadtrat zwang sich noch einmal mit dem Thema Stolpersteine zu beschäftigen.


Erfolg auf der ganzen Linie: Am 30. März stimmt der Krefelder Stadtrat einem Kompromiss zu. Stolpersteine dürfen verlegt werden!

Nachdem am 02.02. fristgerecht die Listen mit knapp 14.000 Unterschriften beim Krefelder Wahlamt abgegeben worden waren, gab es rasch Signale von allen Parteien im Krefelder Stadtrat, dass man sich einen Kompromiss vorstellen kann. Wichtig war den bisherigen Gegnern vor allem die Zustimmung der Hauseigentümer, vor deren Grundstück ein Stolperstein verlegt werden sollte.

Die Vetreter der Ratsparteien verhandelten zunächst untereinander. Dabei dürfte wohl Einigkeit darüber bestanden haben, dass ein sogenannter Bürgerentscheid (siehe Bürgerbegehren) verhindert werden sollte. Dieser wäre unausweichlich gewesen, wenn die Initiatoren des Bürgerbegehrens und der Stadtrat sich nicht auf einen Kompromiss hätten einigen können. Dann wären alle Krefelder Bürger an die Wahlurnen gerufen worden - zu einer regelrechten Kommunalwahl. Das hätte nicht nur gut 100.000 Euro verschlungen, sondern vermutlich auch zu einer weiteren - unnötigen - Verschärfung der Auseinandersetzung geführt.

In einem Gespräch zwischen dem Oberbürgermeister und den gesetzlichen Vertretern des Bürgerbegehrens wurde Mitte März 2006 ein Kompromiss beschlossen:

"Der Rat der Stadt Krefeld stimmt der Verlegung von Stolpersteinen ... mit der Maßgabe zu, dass die betroffenen Hauseigentümer und Angehörige der Opfer, soweit diese zu ermitteln sind, diese Verlegung nicht ablehnen."

Am 30. März 2006 stimmte der Rat der Stadt Krefeld diesem Kompromiss zu. EINSTIMMIG! Damit war die Ablehnung des Projektes durch den Rat vom 3. November 2005 aufgehoben!

Als wir per Handys von dieser Entscheidung erfuhren, standen wir gerade vor dem Berliner Holocaust-Mahnmal. Auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Bernd Scheelen hielt wir uns in der Hauptstadt auf - u.a. um uns für die Anstrengungen der vergangenen Monate zu erholen.

Spätestens in diesem Augenblick haben wir die Erfahrung gemacht, dass man politische Entscheidungen nicht einfach wie das Wetter hinnehmen muss. Im Gegenteil: man kann sie mitgestalten - und dabei eine Menge lernen, über Demokratie, Politik und den öffentlichen Wettstreit der Argumente. Oder:

Wir haben Demokratie gelebt!