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SCHÜLERZEITUNG DER KURT-TUCHOLSKY-GESAMTSCHULE, KREFELD

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Presse




WZ, 04.11.2005
Gegensätzliche Positionen im Stadtrat:
Pro: "Die Steine könnten eine alltägliche Form des Gedenkens sein." (Grüne)
Contra: "Eine zuallermindest fragwürdige künstlerische Form." (CDU)

RP, 17.11.2005
"Viele Bürger hätten eine andere Entscheidung [des Stadtrates] lieber gehabt. Das zeigt eine Reihe von Briefen an die Schüler."


taz: Krefeld will keine Stolpersteine
Krefeld taz. Krefeld und die jüdische Gemeinde der Stadt wollen auf ihren Bürgersteigen keine Erinnerung an deportierte NS-Opfer. Seit 1992 hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in 97 Kommunen 5.500 so genannte "Stolpersteine" installiert, auf denen Namen und ehemalige Adressen der Opfer graviert sind.

In Krefeld pflege man mit einer NS-Dokumentationsstelle und verschiedener Gedenksteinen bereits aktives Gedenken, erklärte die Stadtverwaltung. Schüler einer Gesamt- und einer Körperbehindertenschule hatten schon Geld für die messingfarbigen "Stolpersteine" gesammelt. Das könne jetzt für den Neubau ihrer Synagoge gespendet werden, schlägt die jüdische Gemeinde in Krefeld vor. PEL
taz / NRW, 10.11.2005





WZ, 09.12.2005
Ilse Kassel, Tochter eines jüdischen Holocaust-Opfers: "Ich bin kein Mensch, der in die Öffentlichkeit geht. Aber für Euch [Schüler] tu´ ich das."
WZ, 09.12.2005
"Wenn sich die Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und jüdischer Gemeinde mit den Schülern an einen Tisch gesetzt hätten, wäre sicherlich ein Kompromiss möglich gewesen."

WZ: Schüler auf Stimmenfang im Nieselregen

Die Kurt-Tucholsky-Gesamtschüler haben gestern Mittag begonnen, Unterschriften für das Bürgerbegehren pro Stolpersteine zu sammeln.

Krefeld. Jud Edwin James Mohanathas ist 14 Jahre alt und was
Bürgerbegehren und direkte Demokratie bedeuten, davon hatte er bislang noch keinerlei Ahnung. Nun steht er gemeinsam mit etwa 20 Mitschülern von der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule auf dem Neumarkt und sammelt Unterschriften. Es beginnt zu nieseln. "Nein, kalt ist mir nicht. Ich halte bis heute Abend durch", sagt er und spricht die nächste Passantin an, bittet um eine Unterschrift für das Bürgerbegehren pro Stolpersteine.
"Nein, keine Zeit", sagt die Frau, winkt ab und hetzt mit voll gepackten Einkaufstüten weiter. Weihnachtsgeschenke sind wichtiger. "Ich unterschreibe nicht", sagt ein Mann Mitte 50. "Wieso?", fragen die Schüler. "Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen." Schulterzucken bei den Jugendlichen.

Jud Edwin James Mohanathas kann eine Frau und ihren Sohn überreden, sich die Informations-Tafeln über Nazi-Opfer in Krefeld anzuschauen. Da lächelt er und zieht die Jacke zu. Inzwischen regnet es. Trotzdem bleiben viele Menschen stehen und lassen sich von den Schülern überreden oder bestaunen das Modell von verlegten Stolpersteinen, dass die Jugendlichen mitgebracht haben, damit sich die Leute vorstellen können, worum es überhaupt geht.

Geduldig erklärt Jud Edwin den Passanten, warum er ihr "Autogramm" will. Einige Bürger sind schnell überzeugt. So wie Christian Meyer: "Der Stadtrat sollte nicht alleine entscheiden." Olaf und Petra Becker kommen ganz gezielt auf die Schüler zu: "Wo können wir unterschreiben?" Sie haben von dem Stand der Schüler aus der Zeitung erfahren. "Wir finden die Aktion klasse", sagt Olaf Becker. "Es ist traurig, dass so etwas in Krefeld nicht unterstützt wird. Typisch Krefelder Provinz."

Philipp Rütten unterschreibt und sagt: "Die Geschichte darf sich nicht wiederholen." Die NS-Geschichte hat Herbert Nöhles erlebt: "Auf meiner Straße kannte ich drei Juden. Auf einmal waren die weg. So was sollte man nicht vergessen", sagt der 86-Jährige bewegt. Auch Ilse Kassel ist gerührt: "Dieses Engagement der Schüler ist toll.

Auf diese Jugend kann man stolz sein." Ihre Mutter, Else Müller, wurde von den Nazis ins KZ Theresienstadt verschleppt. Unter anderem zu Else Müllers Gedenken wollten die Schüler einen Stolperstein legen lassen. "Aber ich stehe hier nicht als Betroffene, sondern als Krefelder Bürgerin", sagt Ilse Kassel.

Den übrigen Krefelder Bürgern eine Unterschrift abzulocken, ist anstrengend. "Wieso spendet Ihr das Geld für diese Steine nicht für arme Leute, davon gibt es doch genug", entgegnet eine Frau und geht weiter. "Wenn die Leute nicht unserer Meinung sind, dann muss man das akzeptieren", sagt Jud Edwin.

Nach zwei Stunden in der Kälte drängeln sich die Schüler unter der Stand-Plane. Lehrer Andreas Weinhold klatscht in die Hände: "Ihr müsst ein bisschen aktiver sein." Mit bunten Schildern und Unterschriftenlisten bepackt ziehen sie die Einkaufsstraße entlang.

19.30 Uhr: Die Stimmen werden ausgezählt. Gespannt warten alle auf das Ergebnis. Etwa 850 Unterschriften lautet die Bilanz eine nasskalten Nachmittags. Alle Beteiligten sind zufrieden. Auch Jud Edwin. Als er sich auf den Heimweg macht, hat er eine gewisse Vorstellung, was direkte Demokratie bedeuten kann: Für eine Sache einstehen, Menschen überzeugen, ignoriert werden und manchmal auch sechseinhalb Stunden in Kälte und Regen zu stehen.
Von Lutz Mäurer
WZ, 16.12.2005






RP, 19.12.2005
Nach jedem Tag auf der Straße wird neu gezählt: "Wir haben jetzt mehr als 1.800 Unterschriften zusammen." (Sascha Kalwa, Schülersprecher)
WZ, 21.12.2005
"Damit das Bürgerbegehren Erfolg hat, sind bis zum 3. Februar 7169 Unterschriften notwendig."

taz: Schüler wollen sich das Gedenken nicht verbieten lassen

Krefelder Schüler sammeln Unterschriften für ein Bürgerbegehren. Sie wollen mit 20 "Stolpersteinen" an NS-Opfer ihrer Stadt erinnern. Stadtrat und Jüdische
Gemeinde lehnen ab

KREFELD taz. Ein Infostand auf dem Krefelder Neumarkt. SchülerInnen der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule sammeln Unterschriften für ein Bürgerbegehren. 7.200 Einwohner müssen zustimmen. Dann könnte das Geld, das die Jugendlichen über Monate gesammelt haben, doch noch für den dafür vorgesehenen Zweck benutzt werden. An diesem Tag unterschreiben über 1.800. Bis zum 3. Februar haben die SchülerInnen Zeit, damit ihr Bürgerbegehren erfolgreich ist.

Vor anderthalb Jahren begann alles mit einer Veranstaltung in der Gesamtschule, bei der der Kölner Künstler Gunter Demnig von seinem Projekt berichtete. Mit "Stolpersteinen" möchte er an die Opfer der NS-Zeit erinnern, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Bis heute hat Demnig über 5.500 Steine in 97 Orten verlegt und dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen. Sowohl die GesamtschülerInnen wie auch SchülerInnen der Gerd-Jansen-Schule für Körperbehinderte waren von der Idee begeistert. Sie initiierten eine Spendenaktion. Von dem Erlös könnten nun 20 Steine in Krefeld verlegt werden. Aber am 3. November lehnte der Rat der Stadt ab, die Genehmigung zu erteilen.

Die CDU/FDP-Mehrheit konnte sich nicht mit dieser Form des Gedenkens anfreunden. Joachim C. Heitmann von der FDP schlug vor, eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen, wenn Hauseigentümer und Angehörige der zu gedenkenden Opfer sich einen "Stolperstein" ausdrücklich wünschten. Dies empfand OB Gregor Kathstede als zu kompliziert. Er befürchtete Ärger mit den Hauseigentümern. Wer besitzt schon gern ein Haus, das vor knapp 70 Jahren den rechtmäßigen Eigentümern weggenommen wurde? Allerdings wurde dieses Argument in der Diskussion nicht offen geäußert. Entscheidend war letztlich die Meinung der Jüdischen Gemeinde Krefeld. Diese fand die Form des Gedenkens unpassend.

Tatsächlich, so berichtet Michael Gilad, 2. Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Krefeld, wurden in der Nazizeit Grabsteine von Jüdischen Friedhöfen als Gehwegplatten verwendet. Die Kunstaktion von Gunter Demnig erinnere in fataler Weise an jenen Missbrauch. Auch lüden die Stolpersteine, so Gilad, dazu ein, das Andenken der Holocaustopfer mit Füßen zu treten.

Thomas Hilger, Philosophielehrer an der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule, versteht die Einwände nicht. Zu allen Veranstaltungen wurde öffentlich eingeladen. Vertreter der Jüdischen Gemeinde hätten sich an der Diskussion beteiligen können. Zu zwei Jüdinnen aus Krefeld, die den Holocaust überlebten, hat seine Schule einen engen Kontakt. Ruth Frank überstand die Nazizeit in einem Versteck in der Eifel. Heute ist sie Mitinitiatorin des Bürgerbegehrens. Ilse Kassel überlebte das Arbeitslager. Sie schrieb der Jüdischen Gemeinde einen Brief, in dem sie beklagte, dass sie nicht um ihre Meinung gefragt wurde. Kassel: "Ich habe Hochachtung vor dem Anliegen der Schüler." LUTZ DEBUS
taz / NRW, 22.12.2005


WZ, 24.12.2005
"Die Diskussion um das Bürgerbegehren pro Stolpersteine wird noch emotionaler: Michael Gilad, zweiter Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, sagte, dass ihn die Kunstaktion von Gunter Demnig daran erinnere, wie die Nazis jüdische Grabsteine als Gehwegplatten verwendet hätten."


WZ, 30.12.2005
"Es gibt bedenkenswerte Alternativen. So kann man mit informativen Gedenktafeln, z.B. innerhalb des Bereichs der neuen Synagoge - dies ist ein Vorschlag der jüdischen Gemeinde -, der Opfer des NS-Regimes in angemessener Weise gedenken."


WZ, 30.12.2005
"Dass man auf den Stolpersteinen ´herum trampeln´ kann, wie ihre Gegner einwenden, ist ein Risiko, dass man mit jedem Mahnmal in Kauf nimmt. Wer öffentliches Gedenken vor Missbrauch schützen will, muss in den geschlossenen Raum eines Museums ausweichen."


Stadtspiegel, 08.02.2006
"Fast 13.000 Krefelder unterstützen Bürgerbegehren: Stolpersteine sollen an Opfer des Nazi-Terrors erinnern."
"1.424 Listen mit knapp 13.00 Unterschriften haben [die Schüler] innerhalb von drei Monaten für das Bürgerbegehren Stolpersteine gesammelt. Die Unterschriften - Denkanstöße für den Rat - überreichten sie jetzt an Hans-Jürgen Neuhausen, Abteilungsleiter für Wahlen und Statistik. Damit sind die Schüler ihrem Ziel näher gekommen, auf ungewöhnliche Weise an Opfer des Nazi-Terrors zu erinnern."


WZ, 16.02.2006
"Jubel bei den Initiatoren des Bürgerbegehrens für die Stolpersteine ..."


WZ, 21.02.2006
Wilfrid Fabel, CDU, betont: "Bisher ist die CDU-Fraktion gegen Stolpersteine. Nachdem über 7.000 Menschen dafür gestimmt haben, werden wir das Thema neu diskutieren. ... Wir müssen nicht nur die Meinung von Hausbesitzern berücksichtigen, sondern auch das Interesse der Allgemeinheit."


WZ, 24.03.2006
Der Kompromiss im Wortlaut:
"Der Stolperstein-Vertrag: ... 1. Der Rat der Stadt Krefeld stimmt der Verlegung von Stolpersteinen zum individuellen Gedenken an die Krefelder Opfer des Nationalsozialismus mit der Maßgabe zu, dass der/die betroffene/n Haus- bzw. Grundstückseigentümer und Angehörige der/des Opfers, soweit diese zu ermitteln sind, diese Verlegung nicht ablehnen. 2. Damit sehen beide Seiten das Bürgerbegehren als erledigt an."


WZ: Erste Stolpersteine im Juni

Nach dem Kompromiss: Fünf Steine sollen vor den Ferien verlegt werden

KREFELD. Grünes Licht für die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus. Alle Ratsvertreter stimmten in ihrer Sitzung am Donnerstag dem ausgehandelten Kompromiss zu.

Wie sieht das Verfahren zum Verlegen von Stolpersteinen aus? Thomas Visser, Baudezernent: "Die Regelung ist sehr einfach. Wer einen Stein verlegen will, stellt einen Antrag bei der Verwaltung und informiert schriftlich den Hauseigentümer, vor dessen Gebäude dies stattfinden soll." Auch Angehörige der Opfer sofern ermittelbar müssen informiert werden. Wenn Hauseigentümer und Angehörige innerhalb von vier bis sechs Wochen nicht ablehnen, steht einer Verlegung der Steine auf Plätzen und Bürgersteigen nichts im Weg.

Was plant die Initiative jetzt? "Wir würden an einem Tag vor den Sommerferien fünf oder sechs Steine von Demnig verlegen lassen", sagt Andreas Weinhold, Lehrer der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule, von der das Bürgerbegehren ausging. "Wir wollen verschiedene Opfergruppen berücksichtigen. Wir planen Stolpersteine für ein kommunistisches Opfer, einen ermordeteten Sozialdemokraten und einen Zeugen Jehovas. Wir haben eine Liste von Namen Details können wir allerdings noch nicht verraten." Die Schüler der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule haben für fünf bis sechs Steine Geld gesammelt.

Kann jeder Stolpersteine verlegen lassen? Ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig kostet 95 Euro und kann von Privatleuten ebenso gekauft werden wie von Institutionen. Verschiedene Krefelder Bürger und Organisationen haben sich bereit erklärt, insgesamt etwa 20 Steine zu verlegen. "Wer neugierig geworden ist, kann sich gerne an uns wenden. Wir vermitteln zwischen Interessierten und dem Künstler und informieren über den Hintergrund des Projekts", sagt Andreas Weinhold. Er ist erreichbar in der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule, Ruf 83 75 0.
Von Lutz Mäurer
WZ, 01.04.06