Interview mit der Bundesvorsitzenden der Grünen, Claudia Roth, über das
Projekt Stolpersteine:
Interview mit dem
Künstler Gunter Demnig
über sein
Kunst- und Gedenkprojekt Stolpersteine sowie dessen Ablehnung durch den
Krefelder Stadtrat (mit freunlicher Unterstützung der Zeitschrift Parapluie):
Interview mit Vize-Kanzler Franz
Müntefering über das Projekt Stolpersteine
anlässlich eines Besuchs der Projektgruppe Stolpersteine in Berlin
(Ende März 2006):
Interview mit der Autorin
und Anne Frank-Übersetzerin Mirjam
Pressler über das Projekt Stolpersteine (13.01.2006 /
Lesung Mirjam Presslers zugunsten der Aktion Stolpersteine in einer
Krefelder Buchhandlung):
Interview mit einem Mitarbeiter des Jüdischen Museums
in Berlin über das Projekt Stolpersteine (Dezember 2005 /
Berlin-Fahrt des Geschichte-Leistungskurses 13):
Interview mit Schülern der
Kurt-Tucholsky-Gesamtschule im Anschluss an eine
mehrstündige Sammlung von Unterschriften für das
Bürgerbegehren in der Krefelder Fußgängerzone (Januar
2006):
Interview mit zwei Schülern der
Kurt-Tucholsky-Gesamtschule nach einem Gespräch mit dem
Krefelder Oberbürghermeister Gregor Kathstede (24. November 2005):
Über die Ablehnung des Stolperstein-Projektes durch den
Krefelder Stadtrat sprach KTGInfo mit Oberbürgermeister Kathstede:
Rathaus / 24.11.2005
KTGInfo: Herr Kathstede, der Krefelder Stadtrat hat seine Ablehnung des
Stolperstein-Projektes damit begründet, dass es sich um eine
unangemessene Form des Gedenkens handele. Wenn Sie die Stolpersteine
für unangemessen halten, was verstehen Sie unter einer
angemessenen Form des Gedenkens?
OB: Jedes Ratsmitglied
muss für sich entscheiden, ob es die Stolpersteine für eine
angemessene oder unangemessene Form des Gedenkens hält. Ich selbst bin kein Freund
des Stolperstein-Projekts. Insofern habe auch ich gegen das Projekt im
Rat gestimmt. Das gebietet der Respekt Euch gegenüber, dass ich
das so deutlich sage. Es ist sicher eine schwierige Entscheidung zu
sagen, was angemessen ist und was nicht; aber da, wo die Menschen auf
Stolpersteinen, d.h. auf Gedenkmöglichkeiten herumtrampeln, da
muss man sich fragen, ob das die richtige Möglichkeit ist. Wir
haben in Krefeld eine ganze Reihe von Gedenkmöglichkeiten, die ich
für günstiger halte: Das sind die Stelen, die am Kaufhof
stehen, wo jedes Jahr am 9. November eine Gedenkveranstaltung
stattfindet. Und die meines Erachtens würdigste Form des Gedenkens
ist für mich das, was in den letzten Jahren in Krefeld geschehen
ist, nämlich dass die Krefelder Bürger sehr viel Geld
gesammelt haben um dabei zu helfen, dass in Krefeld wieder
jüdisches Leben möglich ist. Mit den Spenden soll der Neubau
der Synagoge unterstützt werden. Außerdem haben wir in
Krefeld Wandtafeln überall da, wo Synagogen gestanden haben.
Darüber hinaus habe
ich mich gefragt ob man heutige Krefelder Hausbesitzer dazu zwingen
kann, vor ihrem Haus einen einzementierten Stein hinzunehmen, auf dem
steht, wer hier einmal wohnte, dann deportiert und ermordet worden ist.
Darüber kann man streiten.
KTGInfo: Wie, konkret,
müsste Ihrer Meinung nach in Krefeld eine Gedenkstätte
aussehen, die alle Ihre Bendenken gegenüber dem Projekt
Stolpersteine ausschließt?
OB: Wir haben hier in
Krefeld keine mit den Stolpersteinen vergleichbare Gedenkstätte.
Insofern kann ich die Frage so nicht beantworten. Aber wir haben z.B.
die "Villa Meerländer" als offizielle Gedenkstätte zur
Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Da gibt es keine
Stolpersteine, insofern gibt es hierzu auch keine Bedenken. Aber meine
Meinung ist, dass da, wo man auf Gedenkmöglichkeiten
herumtrampelt, keine würdige Form des Gedenkens möglich ist.
KTGInfo: Wie
finden Sie eigentlich die Entscheidung unseres Bundespräsidenten,
Gunter Demnig für sein Projekt Stolpersteine mit dem
Bundesverdienstkreuz am Bande auszuzeichnen?
OB: Das ist eine
Entscheidung des Bundespräsidenten; ich hätte es nicht getan.
KTGInfo: Bei ihrer
ablehnenden Haltung haben Sie sich hinter die Position des Vorstandes
der Jüdischen Gemeinde gestellt. Uns würde interessieren, ob
Sie auch mit solchen Gemeindemitgliedern gesprochen haben, die das
Projekt eindeutig befürwortet haben.
OB: Ich habe mich
ausdrücklich nicht hinter der Position der Jüdischen Gemeinde
versteckt, sondern ich habe meine eigene Position und die habe ich
soeben deutlich gemacht. Ich habe – genau wie Ihr – zahlreiche
Zuschriften von Befürwortern und Gegnern des Projektes bekommen.
Ich habe ein sehr langes Gespräch mit dem Vorsitzenden der
Jüdischen Gemeinde, Herrn Schwarz, geführt um von ihm
dezidiert zu erfahren, warum er gegen das Projekt ist. Herr Schwarz ist
der Vorsitzende der Gemeinde; Ihr könnt natürlich nicht von
mir erwarten, dass ich jedes einzelne Gemeindemitglied anrufe und
frage, wie es über die Sache denkt. Es ist das Wesen eines
Vorstandes, dass er die Meinung einer Gemeinde nach außen
vertritt. Noch einmal: Ich habe mich nicht hinter der Position der
Gemeinde versteckt. Selbst wenn die Jüdische Gemeinde gesagt
hätte, dass sie das Projekt befürwortet, hätte ich meine
Bedenken gehabt.
KTGInfo: Was sagen sie
dazu, dass die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde offenbar gar
nicht über die Entscheidung ihres Vorstandes informiert worden
sind?
OB: Das streitet Herr
Schwarz ab. Was ich hierzu sage, kann ich natürlich nicht belegen.
Herr Schwarz hat mir gesagt, dass es eine Diskussion in der
Jüdischen Gemeinde gegeben hat. Ob das dann eine Diskussion mit
allen Gemeindemitgliedern war – nun, das wird mit Sicherheit nicht der
Fall gewesen sein. Aber das möchte ich auch gar nicht
qualifizieren, das ist eine Angelegenheit der Jüdischen Gemeinde.
Ich weiß, dass es einen Dissenz innerhalb des Vorstandes der
Jüdischen Gemeinde gibt; aber das muss die Jüdische Gemeinde
selbst austragen.
KTGInfo: Das
Stolperstein-Projekt steht ja jetzt nach der Entscheidung des
Stadtrates fast täglich in der Zeitung. Befürchten Sie nicht,
dass Krefeld nach dieser Entscheidung zu einer überregionalen
Lachnummer wird?
OB: Für mich hat es
– vollkommen überraschend - im Stadtrat eine sehr sachliche
Diskussion über die Stolpersteine gegeben. Gott sei Dank sind
dabei die Argumente überhaupt nicht emotional ausgetauscht worden.
Der Begriff "Lachnummer"
gefällt mir in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. Erstens,
weil es kein lustiges Thema ist; und zweitens: der Stadtrat hat eine
Entscheidung getroffen. Es gibt ca. 100 Städte, die eine andere
Entscheidung getroffen haben. Das respektiere ich und insofern erwarte
ich genauso, dass wer auch immer von einer "Lachnummer" spricht, die
Entscheidung unseres Stadtrates respektiert. Eure Frage zielt ja wohl
darauf, ob die Stadt Krefeld in ein schlechtes Licht gerückt wird,
weil der Eindruck entstehen könnte, dass sie mit dem Gedenken an
die NS-Opfer nichts mehr zu tun haben möchte. Und dazu kann ich
nur sagen: es gibt so viele Möglichkeiten des Gedenkens, so viele
zentrale Gedenkveranstaltungen, dass ich diese Befürchtung nicht
habe. Es ist zwar in der Tat so, dass in Krefeld und Umgebung viele
Bürger ihren Unmut über die Entscheidung des Rates
äußern; aber ich Teile den Unmut nicht.
KTGInfo: Der Stadtrat
hat ja ein Projekt abgelehnt, das von Schülern vorgeschlagen
wurde. Hatten Sie als ehemaliger Lehrer da kein schlechtes Gewissen?
OB: Nein, ein schlechtes
Gewissen habe ich nicht. Ganz im Gegenteil: ein schlechtes Gewissen
hätte ich, wenn ich nur darum ja gesagt hätte, weil das
Projekt von Schülern vorgeschlagen wurde. Man muss ein bisschen
Rückgrat zeigen. Dass ich mich Euch verpflichtet fühle, zeigt
die Tatsache, dass ich Euch hier ins Rathaus eingeladen habe um mit
Euch darüber zu reden. Dass Ihr einen gewissen Frustrationsgrad
habt, kann ich nachvollziehen, eben weil ich Lehrer war; und weil ich
weiß, wie schwierig es ist, Schüler gerade im Bereich der
Geschichte zu motivieren, auch über den Unterricht hinaus etwas zu
tun. Ich freue mich darüber, dass Ihr Euch engagiert, auch wenn
ich im Endeffekt dazu beigetragen habe, dass Euer Projekt sich in
Krefeld nicht umsetzen lässt. Aber das ist das Wesen der
Demokratie: man hat – aus Eurer Sicht – gute Vorschläge, die aber
keine Mehrheit finden.
Ein schlechtes Gewissen
müsste ich übrigens auch dann haben, wenn ich nach der
Entscheidung einfach zur Tagesordnung übergegangen wäre.
Jetzt haben wir die Möglichkeit, über die Entscheidung zu
diskutieren.
KTGInfo: Wäre
Ihnen das eigentlich unangenehm, wenn die für Krefeld gespendeten
Stolpersteine in einer anderen Stadt verlegt werden würden?
OB: Das habe ich heute
morgen in der Zeitung gelesen. Als ich dieses Gespräch
vorgeschlagen habe, war meine Vorstellung, mit Euch zusammen zu
überlegen, ob es eine andere Möglichkeit gibt, Euer
Engagement umzusetzen. Das lehnt Ihr ab. Und das ist Euer gutes Recht.
Das finde ich vollkommen in Ordnung. Wenn ich jetzt sagte, dass ich
bedaure, wenn die Steine woanders verlegt werden, so wäre das
nicht ganz ehrlich. Denn ich habe mich ja gegen das Projekt
ausgesprochen. Ich bedaure allerdings, dass dann Euer Engagement in
eine andere Stadt gehen würde. Ja, das würde ich allerdings
bedauern.
KTGInfo: Haben Sie
denn schon einmal, z.B. in Berlin, einen im Boden verlegten
Stolperstein gesehen?
OB: Nein.
KTGInfo: Sehen Sie
überhaupt noch eine Chance für die Verlegung von
Stolpersteinen in Krefeld?
OB: Der Rat hat eine
bindende Entscheidung getroffen. Insofern sehe ich keine Chance, dass
Ihr die Stolpersteine verlegen könnt – zumindest im
öffentlichen Raum. Es wird keine Stolpersteine auf Straßen
und öffentlichen Flächen geben. Dessen ungeachtet kann
natürlich jeder, der möchte, auf seinem privaten
Grundstück Stolpersteine verlegen. Ich glaube nicht, dass sich der
Stadtrat z.B. nächstes Jahr anders entscheidet. Aber ich
möchte Euch da keine Hoffungen machen.
KTGInfo: Herr
Kathstede, vielen Dank für dieses Interview! |